One-to-One-Marketing und der gläserne Digital-Lifestyler
Bei Burda, Springer, Holtzbrinck und Bertelsmann hat man die soziologischen Studien zum veränderten Gesellschaftsbild gelesen und will nun reagieren. Denn Gruppen definieren sich heute weniger als früher über ihre soziale Herkunft, sondern mehr über gemeinsame Interessen. Für Medien- und Werbemacher sind daher die Daten der bislang primär soziodemographischen erfassten Zielgruppen weniger relevant. Kunden können heute durch ihr hinterlegtes Nutzerprofil viel direkter angesprochen werden. Die auf Homepages werbenden Unternehmen kommen so dicht wie nie an ihre Zielgruppe heran, das One-to-One-Marketing ist keine Fiktion mehr. Und der Konsument macht sich freiwillig gläsern.
So kann man es bei Telepolis lesen. Ich kann mir nicht helfen. Dieses ganze Web 2.0-Geschwafel, der gläserne Bürger, gemischt mit Vermarktungsinteressen, haben zusammen eine ziemlich konkrete Gestalt eingenommen. Panikmache hin oder her. Eine gesunde Skepsis, gegenüber jeglichen “Diensten” (von echten Digital-Lifestylern auch gerne “Services” genannt), ist also durchaus angebracht. Neu ist das allerdings nicht unbedingt. Denn ob man nun am total tollen Gewinnspiel mitmacht und nur mal eben, als kleine Gegenleistung, einen kleinen Fragenkatalog zu Persönlichem ausfüllt oder ob man in einer Spielhalle versackt, in der man eigentlich nur gewinnen kann. Das Spiel ist alt, nur technisch wurde und wird es etwas überholt. Und vor allem scheint die Hemmschwelle zur Teilnahme gesunken zu sein.
Übrigens denkt Mercedes ja nun angeblich auch, dass man jetzt regelmäßig auf deren Website vorbeischaut, um sich von deren musikalischen Neuentdeckungen überzeugen zu lassen:
Der “Heavy-Web-User”, so Sven Dörrenbächer von Mercedes, sei mit klassischer Werbung schwer zu erreichen. Der Autohersteller versuche daher sich dem “digitalen Lifestyle” seiner zukünftigen Kunden anzupassen. Sein Credo im Kongresszentrum in Hamburg: “Keiner braucht Werbung, jeder braucht Identifikation.” Mit anderen Worten: Im Rahmen gegenseitiger Annäherungen verpasst der Konzern den Community-Mitglieder über Mixed-Tapes die erste homöopathische Dosis Mercedes. Sie sollen, so Dörrenbächer, zu “brand advocates” werden.
Nebenbei soll man sich sicher in den neusten Benz verlieben. Total independent-hip, diese cooole Idee.
Nö, lass ma.
